
Die Rolle von Captagon im Konflikt und die Fehlrepräsentation in den Medien
Die Darstellung von Captagon als 'Dschihadisten-Droge' ist irreführend; seine Geschichte und aktuelle Zusammensetzung offenbaren eine andere Erzählung
Key Points
- 1Captagon war ursprünglich ein pharmazeutisches Medikament, das 1962 entwickelt wurde
- 2Moderne Captagon-Tabletten enthalten oft Amphetamin, nicht Fenetyllin
- 3Medienberichte über Captagon sind oft sensationalisiert und ungenau
- 4Amphetamine haben eine historische Verwendung in militärischen Kontexten zur Leistungssteigerung
- 5Forschung zeigt, dass die aktuelle Zusammensetzung von Captagon seinen ursprünglichen Wirkstoff nicht enthält
Das Medikament Captagon hat in den Medien an Bekanntheit gewonnen, insbesondere nach den Anschlägen in Paris, bei denen es angeblich von Terroristen verwendet wurde. Allerdings sind viele Informationen über Captagon sensationalisiert und ungenau, was zu Missverständnissen über seine Wirkungen und Ursprünge führt. Oft als 'die Dschihadisten-Droge' bezeichnet, ist die wahre Natur und Geschichte von Captagon weitaus komplexer
Ursprünglich 1962 von dem deutschen Pharmaunternehmen Degussa AG entwickelt, war der Wirkstoff von Captagon Fenetyllin. Es wurde zunächst zur Behandlung von Erkrankungen wie Narkolepsie und ADHS eingesetzt. Aufgrund seiner psychoaktiven Eigenschaften wurde Fenetyllin jedoch 1981 von der FDA als kontrollierte Substanz eingestuft und 1986 international verboten. Dieses Verbot führte zum Anstieg gefälschter Captagon-Tabletten, die heute überwiegend aus Amphetamin und anderen Substanzen bestehen
Die Transformation von Captagon von einem legitimen Arzneimittel zu einem Schwarzmarkt-Stimulans verdeutlicht die Nachfrage im Nahen Osten, wo es unter wohlhabenden Gruppen beliebt war. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) hat berichtet, dass die als Captagon verkauften Pillen oft Amphetamin, Methamphetamin und Koffein enthalten, anstelle von Fenetyllin. Dieser Wandel unterstreicht die Herausforderungen bei der Kontrolle der Produktion und Verteilung synthetischer Drogen
Studien haben das Fehlen von Fenetyllin in modernen Captagon-Tabletten bestätigt. Forschungen von Mahmoud A. Alabdalla in Jordanien und Marina Nevescanin in Serbien haben gezeigt, dass diese Pillen hauptsächlich aus Amphetamin und Koffein bestehen, mit unterschiedlichen Verunreinigungen. Diese Beweise widersprechen der medialen Darstellung von Captagon als einzigartiges und potentes Medikament und kategorisieren es stattdessen zusammen mit anderen gängigen Stimulanzien
Die mediale Darstellung von Captagon als übermenschliches Ermöglicher, insbesondere in Konfliktgebieten, basiert weitgehend auf anekdotischen Behauptungen von Kämpfern. Diese Erzählungen, oft von Mitgliedern des sogenannten Islamischen Staates, legen nahe, dass Captagon Furchtlosigkeit und Ausdauer verleiht. Solche Behauptungen sollten jedoch mit Skepsis betrachtet werden, da die tatsächlichen physiologischen Wirkungen des Medikaments wahrscheinlich nicht mit diesen übertriebenen Berichten übereinstimmen
Historisch gesehen ist der Einsatz von Amphetaminen in militärischen Kontexten nicht beispiellos. Länder wie die Vereinigten Staaten, Deutschland und das Vereinigte Königreich haben ihren Truppen Stimulanzien zur Leistungssteigerung und zur Verringerung von Müdigkeit während Kriegen bereitgestellt. Diese Praxis hebt die strategischen und nicht mythischen Vorteile solcher Drogen hervor und steht im Kontrast zu den sensationalisierten Medienberichten über Captagon
Die anfänglichen Berichte, die Captagon mit den Anschlägen in Paris in Verbindung brachten, stammen von der Entdeckung von Spritzen in einem Hotelzimmer, das von den Angreifern genutzt wurde. Es bleibt jedoch ungewiss, welche Substanzen, falls überhaupt, tatsächlich beteiligt waren. Dieser Fall veranschaulicht die Tendenz der Medien, ohne definitive Beweise voreilige Schlüsse zu ziehen und Mythen über Drogen wie Captagon anstelle von Fakten zu perpetuieren