
Neurowissenschaftler Marc Lewis kritisiert traditionelle Suchtbehandlungsansätze
Neurowissenschaftler Marc Lewis kritisiert traditionelle Suchtbehandlungsansätze und plädiert für einen verhaltensorientierten Ansatz, der unmittelbare Belohnungen und langfristige Ziele berücksichtigt
Key Points
- 1Marc Lewis kritisiert konventionelle Suchtbehandlungen als zu vereinfacht
- 2Lewis betont die Bedeutung der Berücksichtigung unmittelbarer Belohnungen in der Sucht
- 3Er plädiert für einen ganzheitlichen Ansatz, der medizinische, psychologische und soziale Aspekte integriert
- 4Lewis argumentiert, dass Sucht ein Verhaltensproblem und nicht rein medizinisch ist
- 5Gemeinschaftsunterstützung ist entscheidend, um Süchtigen zu helfen, den Fokus von der Gegenwart auf die Zukunft zu verlagern
Der renommierte Neurowissenschaftler und ehemalige Süchtige Marc Lewis stellt in seinem Buch "Memoirs of an Addicted Brain" die konventionellen Suchtbehandlungsansätze in Frage. Lewis argumentiert, dass die aktuellen medizinischen Behandlungen, die oft die Verschreibung von Medikamenten wie Buprenorphin beinhalten, zu vereinfacht sind und die grundlegenden psychologischen Aspekte der Sucht nicht ansprechen. Er betont die Notwendigkeit eines Fokuswechsels hin zum Verständnis der unmittelbaren Belohnungen, die süchtiges Verhalten antreiben
Lewis schlägt vor, dass Sucht keine Krankheit ist, die ausschließlich mit Medikamenten behandelt werden sollte, sondern ein komplexes Verhaltensproblem, das einen ganzheitlicheren Ansatz erfordert. Er führt das Konzept der "Anziehung des Jetzt" ein und deutet an, dass Süchtige oft in einer gegenwartsorientierten Denkweise gefangen sind und nicht in der Lage sind, zukünftige Konsequenzen zu berücksichtigen. Diese Perspektive ist laut Lewis entscheidend für die Entwicklung effektiver Suchtbehandlungen, die den Menschen helfen, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen
In seinen Diskussionen hebt Lewis die Bedeutung von Motivation und Unterstützung durch andere beim Überwinden von Sucht hervor. Er glaubt, dass Süchtige ein starkes Verlangen nach Veränderung und ein unterstützendes Netzwerk benötigen, um den Übergang von unmittelbarer Befriedigung zu langfristigen Zielen zu schaffen. Dieser Wandel erfordert die Aktivierung des Striatums im Gehirn, eines Zentrums des Verlangens, und dessen Verknüpfung mit einem breiteren Verständnis von Vergangenheit und Zukunft, was durch Gemeinschaftsunterstützung erleichtert werden kann
Lewis geht auch auf das Missverständnis ein, dass Sucht rein ein medizinisches Problem sei, und argumentiert, dass sie nicht mit Krankheiten wie Krebs vergleichbar ist, die genetischen Mutationen zugeschrieben werden können. Er ist der Ansicht, dass die Komplexität des süchtigen Verhaltens nicht allein auf genetische Faktoren reduziert werden kann. Während er die Rolle der Ärzte bei der Behandlung von Entzugssymptomen anerkennt, besteht Lewis darauf, dass Sucht selbst als Verhaltensproblem verstanden werden sollte
Der Neurowissenschaftler untersucht weiter die Rolle sozialer Faktoren in der Sucht und reflektiert über seine eigenen Erfahrungen. Er erinnert sich daran, wie seine ersten Begegnungen mit Drogen von sozialen Interaktionen beeinflusst wurden, während seine spätere Sucht von Isolation geprägt war. Diese Dualität unterstreicht das komplexe Zusammenspiel zwischen Gemeinschaftsbeteiligung und persönlicher Einsamkeit im Verlauf der Sucht
Lewis' Erkenntnisse haben eine Debatte unter medizinischen Fachleuten und Forschern ausgelöst, von denen einige sich gegen seinen verhaltensorientierten Ansatz zur Sucht wehren. Sie argumentieren, dass die Einstufung von Sucht als medizinische Erkrankung das Stigma und die Schuldgefühle, die damit verbunden sind, beseitigt. Lewis hingegen ist der Meinung, dass das Verständnis von Sucht als Verhaltensproblem zu effektiveren und mitfühlenderen Behandlungsstrategien führen kann
In der Zukunft plädiert Lewis für einen neu gestalteten Ansatz zur Suchtbehandlung, der medizinische, psychologische und soziale Dimensionen integriert. Er fordert eine stärkere Betonung des Verständnisses der biologischen Prozesse, die süchtiges Verhalten zugrunde liegen, die seiner Meinung nach natürliche und evolvierte Funktionen des Gehirns sind. Diese umfassende Perspektive ist laut Lewis entscheidend für die Entwicklung sinnvollerer und dauerhafter Lösungen für Sucht